Felix Bechthold* (Name geändert) – MPU vor Führerscheinprüfung wegen 0,7 g Tabak-Cannabis-Gemisch

Alles begann vor ungefähr 6 ½ Jahren. Ich saß abends mit zwei Freunden an einer Bushaltestelle und kiffte. Wie sich später herausstellen würde, war es der Anfang einer schlimmen Zeit für mich.
An uns fuhr eine Polizeistreife vorbei, mein Herz stand gefühlt still. Sie drehten um und kontrollieren uns, weil sie den Verdacht von Cannabiskonsum hatten. Ich denke, die Polizisten hatten beim Vorbeifahren den Joint gesehen. Es war eine sehr unangenehme Situation, denn die Polizisten waren nicht gerade nett und ich fühlte mich in diesem Moment wie ein Schwerkrimineller. Ich war ein wenig geschockt und bekam kaum ein Wort heraus. Auf die Androhung einer Durchsuchung bis auf die Unterhose gab ich mein Cannabis heraus und die Polizisten zogen nach einiger Zeit wieder ab. Einige Monate später erhielt ich von der Staatsanwaltschaft einen Brief, dass das Verfahren wegen des Verstoßes gegen das BtMG gegen mich eingestellt worden war. Welche Konsequenzen dies für mich aber haben sollte, ahnte ich in diesem Moment aber nicht.
Wie fast jeder andere in diesem Alter meldete ich mich mit 18 Jahren bei einer Fahrschule an. Ich hatte den theoretischen Unterricht sowie zehn Fahrstunden  bereits erledigt, als mich auf einmal mein Fahrlehrer zur Seite nahm und sagte: “Du musst dich mit der Führerscheinstelle in Verbindung setzen, weil sonst kann ich dich nicht zur Theorieprüfung anmelden.“ Also setzte ich mich mit der Führerscheinstelle in Verbindung und machte einen Termin aus, weil ich ohne Unterlagen schließlich nicht zur Prüfung gehen konnte.
Am Tag des Termins war mir schon nicht gut, denn ich hatte ein ungutes Gefühl.
Als ich bei der Führerscheinstelle ankam erklärte mir mein Sachbearbeiter, dass meine Führerscheinakte noch nicht vollständig sei, da die Übersendung der Unterlagen aus dem Bundeszentralregister länger dauerten als üblich.
Ich unterbrach daher meine Führerscheinausbildung, weil durch die fehlenden Unterlagen des Bundeszentralregisters keine Freigabe für die Prüfungen erteilt werden konnte. Sonst hätte ich zwar die Fahrschule soweit komplett absolvieren können, hätte aber nicht in die Prüfung gedurft.
Geschlagene sechs Monate nach diesem Termin erhielt ich einen Anruf meines Sachbearbeiters. Er machte mit mir einen Termin aus. Die Zeit seit dem ersten Termin war sehr schwierig und anstrengend, denn die Unwissenheit über meine Situation und vor allem die Wartezeit waren nervenaufreibend und teilweise nahezu unerträglich. Zwischenzeitlich musste ich mit ansehen wie fast jeder meiner Freunde, sogar die, die an dem Tag an der Bushaltestelle dabei waren, ihren Führerschein erhielten. Das war zusätzlich ein harter Schlag für mich.
Dann kam endlich der Termin bei der Führerscheinstelle. Dort stellte sich heraus, dass ich eine MPU absolvieren sollte. Ich war geschockt und musste dies erst einmal verarbeiten. Die Begründung lag darin, dass wegen meiner Cannabisauffälligkeit erst durch eine MPU ermittelt werden müsse, ob ich überhaupt dazu in der Lage bin ein Fahrzeug zu führen.
Zu dieser Zeit war ich noch in der Ausbildung, daher konnte ich mir eine MPU  finanziell nicht leisten. Somit war der Traum vom Führerschein erst einmal vorbei.
Mit 22 Jahren hatte ich endlich genug Geld gespart. Also ging ich zur Führerscheinstelle und beantragte die Ersterteilung. Bei meinem Sachbearbeiter gab ich die nächstgelegene MPU-Institution an, weil diese für mich am besten zu erreichen war.
Kurz vor meinem 23. Geburtstag begann meine erste MPU. Diese verlief alles andere als gut. Durch meine Cannabisauffälligkeit hätte ich eine Abstinenz nachweisen müssen – dies wusste ich vorher nicht, weil es mir niemand vorher sagte!
Die MPU-Institution gab mir einfach einen Termin. Gerade diese hätte mich doch vorher auf die nötige Abstinenz hinweisen müssen. Somit war klar, wie die Sache laufen würde: Ich war bereits durchgefallen bevor ich die MPU überhaupt begonnen hatte!
Im psychologischen Gespräch war ich sehr unsicher und eingeschüchtert, da der Psychologe sehr unfreundlich war. Ich fühlte mich durchweg als Schwerkrimineller behandelt. Außerdem behauptete der Psychologe, ich hätte ein Alkoholproblem, weil ich zugab mich schon mal von Alkohol übergeben zu haben und ich im Jahr vielleicht fünf Mal Alkohol trinke. War im Nachhinein etwas dumm von mir, mir fehlte einfach eine Vorbereitung auf diese Gespräche.
Nach zwei Wochen erhielt ich mein negatives MPU-Gutachten. Dieses gab ich nicht bei der Führerscheinstelle ab. Ich hätte mir sonst ins eigene Fleisch geschnitten, denn ich wusste dieses würde bei der nächsten MPU vorliegen. Dennoch war das Gutachten recht aufschlussreich. Ich erfuhr in dem Schreiben, dass ich mich angeblich vor den Polizisten zu meinem Konsum geäußert und das die Menge bei mir gefundene Tabak-Cannabis-Mischung ganze 0,73 Gramm brutto betragen hätte. Die Polizei würde aufgrund des Sachverhaltes davon ausgehen, dass ich Dauerkonsument sei. Ich habe keine Angaben zu meinem Konsum gemacht, aber laut der Polizei schon. Wieder ein Moment totaler Machtlosigkeit. Ich wusste dass es nicht stimmt, aber ich konnte nichts dagegen tun!
Jahre später hatte ich mich schon mit der Situation abgefunden. Aufgrund dieses Vorfalls habe ich seit dem nicht mehr gekifft. Das Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit war aber nach wie vor vorhanden. Das wollte ich aber ändern, um endlich meinen Führerschein zu erhalten. So entschloss ich mich, mich mithilfe eines Psychologen auf die zweite MPU vorzubereiten.
Ich ging zu einer Verkehrspsychologin und suchte mir eine MPU-Institution, bei der ich die Abstinenznachweise erbringen konnte. Außerdem besorgte ich mir alle verfügbaren Informationen von der Führerscheinstelle, um mich dieses Mal bestmöglich vorzubereiten. Die Organisation der Abstinenznachweise war sehr schwierig. Ich bekam einen Tag vor der Urinabgabe eine SMS, in der mir mitgeteilt wurde, wann und wo ich meine Urinprobe abgeben sollte. Wäre ich nicht gegangen, hätte dieser fehlende Nachweis zu einem erneuten vorzeitigen Ende der MPU geführt. Zum Glück drückte ich in dieser Zeit wieder die Schulbank, um mein Fachabitur zu machen. Im normalen Berufsleben wäre es meiner Meinung nach fast unmöglich, diesen Termin so schnell zu organisieren. Während der MPU fühlte ich mich permanent wie ein Sklave. Es war echt schrecklich, da man bei der Urinabgabe auch beobachtet wurde.
Die Verkehrspsychologin empfahl mir eine Einzeltherapie und eine Gruppentherapie.
Insgesamt war ich sechs Monate in „Behandlung“. In der Gruppentherapie wurde mir erst mal richtig bewusst, dass ich mit meinem Fall hier vollkommen aus der Reihe tanze. Die Leute, die dort saßen, mussten eine MPU machen, weil sie 1 kg Cannabis geschmuggelt hatten oder wegen des Mischkonsums von Alkohol, Kokain und Cannabis während einer Autofahrt aufgegriffen wurden. Erneut kam ich mir vor wie der letzte Idiot. Ein Gefühl, welches kaum zu beschreiben ist. Ich hatte ja noch nicht einmal einen Führerschein, trotzdem saß ich in dieser Gruppentherapiesitzung!
Die Einzeltherapie ging insgesamt zwölf Stunden und war sehr tiefgreifend. Alleine fünf Stunden unterhielten wir uns über meine jetzige Lebenssituation und meine Kindheit. Im Nachhinein verstehe ich nicht, wieso ich solche Themen mit ihr durcharbeiten musste, denn für die MPU machte dies wenig Sinn. Nach meiner „MPU-Vorbereitung“ bekam ich eine Bescheinigung über die psychologische Behandlung, welche ich bei der zweiten MPU vorlegen musste. Diese gab ich zusammen mit meinem Abstinenznachweise ab.
Der Tag der Entscheidung war gekommen: Die MPU stand an. Durch meine Vorbereitung gelang es mir die Psychologin davon zu überzeugen, dass ich ein guter Mensch bin und ich nie wieder Drogen anrühren würde. Zu meiner Zufriedenheit teilte sie teilte mir am Ende unseres Gesprächs das Ergebnis mit: BESTANDEN!
Nun war ich sehr erleichtert. Endlich alles vorbei. Dieser Horror und die schrecklichen Gefühle. Alles weg! Nach weiteren zwei Wochen hielt ich mein positives MPU-Gutachten in den Händen und konnte dieses bei der Führerscheinstelle abgeben. Endlich konnten sie mir meinen Führerschein nicht verwehren. Ein tolles Gefühl!
Ich meldete mich also erneut bei einer Fahrschule an und machte endlich mein Führerschein. Alles in allem habe ich nun über sechseinhalb Jahre um meinen Führerschein gekämpft und musste dabei allein für die MPU Kosten von über 3000 Euro stemmen. Von den Nerven, der verschwendeten Zeit und dem unheimlich erniedrigenden Gefühl ganz zu Schweigen.
Endlich muss ich mich nicht mehr von meiner Freundin herumfahren lassen, sondern kann sie auch endlich selbst mit dem Auto von der Arbeit abholen oder einkaufen fahren – ganz normale Dinge, die mir über sechs Jahre verwehrt wurden, obwohl ich nie berauscht im Straßenverkehr unterwegs war!